Erbe 4.i

Standort Rangendingen, Deutschland | Architekt IO GROUP‍ ‍|‍ ‍Fertigstellung 2024

Industriefotografie: Ein Projekt, viele Beteiligte

Industriearchitektur ist immer das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Unternehmen. Architekten, Fachplaner, Bauunternehmen und Hersteller bringen ihre jeweilige Expertise in ein gemeinsames Projekt ein und haben nach der Fertigstellung ein gemeinsames Interesse daran, diese Arbeit sichtbar zu machen.

Für die io group habe ich das neue Kompetenzzentrum Erbe 4.i in Rangendingen über zwei Tage fotografisch und filmisch dokumentiert. Auf rund 25.000 Quadratmetern vereint der Industriekomplex Produktion, Entwicklung, Logistik, Verwaltung und Gastronomie und bietet Platz für bis zu 500 Beschäftigte. Auch energetisch sind die Dimensionen beeindruckend: 2.800 Solarmodule mit einer Leistung von einem Megawatt bedecken große Teile des Daches, während in der Holzkonstruktion des Gebäudes rund 2.000 Tonnen CO₂ gebunden sind. Als KfW Effizienzhaus 40 benötigt der Komplex rund 60 Prozent weniger Primärenergie als vergleichbare Gebäude.

Diese Dimensionen und die Vielzahl unterschiedlicher Funktionen galt es in einer gemeinsamen Bildwelt zusammenzuführen. Im Mittelpunkt meiner Aufnahmen standen neben Produktion, Logistik und den unterschiedlichen Arbeitswelten vor allem die charakteristische Materialität des Gebäudes und das Zusammenspiel aus grau lasiertem Holz und roten Metallelementen der Fassade, welche einem liegenden Baumstamm nachempfunden ist.

Die entstandene Bildwelt wird inzwischen weit über die ursprüngliche Dokumentation für die io group hinaus genutzt. Zahlreiche am Bau beteiligte Unternehmen verwenden die Fotografien, um ihre eigene Arbeit am Projekt zu präsentieren. Damit vervielfacht sich die Reichweite der Aufnahmen über das gesamte Netzwerk der Projektpartner hinweg.

Genau darin liegt für mich ein besonderer Wert einer umfassenden Architekturfotografie für Industriegebäude: Eine sorgfältig geplante Produktion dokumentiert nicht nur das fertige Bauwerk. Sie schafft eine gemeinsame visuelle Grundlage, mit der Architekten, Planer, Hersteller und ausführende Unternehmen ihre jeweilige Leistung hochwertig kommunizieren können.

Erbe 4.i Kompetenzzentrum in Rangendingen mit moderner Industriearchitektur und charakteristischer roter Fassade
Erbe 4.i Kompetenzzentrum in Rangendingen mit moderner Industriearchitektur und charakteristischer roter Fassade
Erbe 4.i Kompetenzzentrum in Rangendingen mit moderner Industriearchitektur und charakteristischer roter Fassade

1. Planung: Industriefotografie im laufenden Betrieb

Bei der Dokumentation großer Industriegebäude beginnt meine Arbeit lange vor der ersten Aufnahme. Die Wege sind weit, die Anzahl unterschiedlicher Räume groß und der laufende Betrieb gibt häufig vor, wann und wie einzelne Bereiche fotografiert werden können. Gleichzeitig unterliegen Produktionsstätten oft der Geheimhaltung. Büros lassen sich erst nach Arbeitsende ungestört aufnehmen und öffentliche Bereiche wie Foyers oder Cafeterien sind nur zu bestimmten Zeiten frei von Mitarbeitern und Besuchern. Eine genaue Planung ist deshalb entscheidend, um innerhalb eines begrenzten Zeitfensters eine umfassende Bildserie zu produzieren, ohne die Arbeitsabläufe vor Ort zu beeinträchtigen.

Gemeinsam mit den Projektverantwortlichen der io group habe ich deshalb bereits vor der Produktion anhand der Grundrisse definiert, welche Bereiche für die Dokumentation besonders relevant sind. Dabei geht es mir nicht nur darum, eine Liste benötigter Motive abzuarbeiten. Ich möchte verstehen, welche Gedanken hinter der Gestaltung stehen, welche Materialien bewusst eingesetzt wurden und welche räumlichen Lösungen das Projekt besonders machen. Erst wenn ich weiß, warum ein Raum auf seine spezielle Weise geplant wurde, kann ich diese Idee in einer Fotoaufnahme sichtbar machen.

Gerade in der Industriearchitektur gewinnt dieser Aspekt zunehmend an Bedeutung. Moderne Unternehmensgebäude müssen funktionale Anforderungen erfüllen, gleichzeitig aber auch ein Arbeitsumfeld schaffen, in dem sich Menschen gerne aufhalten. In Zeiten des Fachkräftemangels sind Architektur und Innenraumgestaltung damit auch Teil der Positionierung eines Unternehmens als Arbeitgeber. Aus eigener Erfahrung weiß ich, welchen Einfluss Räume, Licht und Materialien auf die eigene Stimmung und Arbeitsweise haben können.

Um diese unterschiedlichen Ebenen des Erbe 4.i abzubilden, haben wir die Fotoproduktion auf zwei Tage verteilt. Zunächst konzentrierte ich mich auf das Logistikzentrum und die öffentlichen Bereiche, die während des laufenden Betriebs zugänglich waren. Später am Tag wechselte ich in die inzwischen leeren und frisch gereinigten Büroflächen. Die Außenaufnahmen wiederum mussten sich nach Licht und Wetter richten. So entstand für jeden Gebäudebereich ein eigenes Zeitfenster, das bereits vor Beginn der Produktion möglichst genau definiert war.

Meine wichtigste Aufgabe als Industriefotograf sehe ich dabei darin, die Gedanken des Architekten visuell zu interpretieren und verständlich zu transportieren. Eine gute Planung schafft dafür die notwendige Ruhe. Wenn Zugänge, Zeitfenster und Prioritäten vorab geklärt sind, kann ich mich vor Ort auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht: Architektur zu verstehen und daraus Bilder zu entwickeln, die ihre Idee auf den Punkt bringen.

2. Industriearchitektur sichtbar machen

Nach der Planung beginnt für mich der wichtigste Teil der Industriefotografie: zu entscheiden, welche gestalterischen Ideen eines Gebäudes in den Bildern sichtbar werden müssen. Beim Erbe 4.i sind es nicht nur einzelne spektakuläre Räume, sondern vor allem das Zusammenspiel aus Funktion, Material, Licht und unterschiedlichen Arbeitswelten, das den Charakter des Gebäudes bestimmt.

Besonders deutlich wird das in den Bürobereichen. Großzügige Arbeitsflächen wechseln sich mit gläsernen Breakout Rooms und Besprechungsräumen ab und schaffen Möglichkeiten für konzentriertes Arbeiten ebenso wie für den Austausch im Team. Über den Arbeitsplätzen ziehen sich Akustikpaneele entlang der Decken, unterbrochen von langen LED Linien. Akustik und eine auf die jeweilige Nutzung abgestimmte Beleuchtung sind auf Fotografien zunächst unscheinbare Details. Für die Qualität eines Arbeitsplatzes sind sie jedoch entscheidend. Deshalb gehören sie für mich genauso zur Projektdokumentation wie die großen räumlichen Zusammenhänge.

Ein besonderer Raum ist der White Room. Das vollständig weiße Besprechungszimmer mit seinen abgerundeten Ecken und einem großen Panoramafenster öffnet den Blick in das weitläufige Foyer. Fotografisch liegt die Herausforderung hier gerade in der Reduktion. Form, Licht und dezent gesetzte Linien müssen ausreichen, um den Raum verständlich zu machen. Einen ganz anderen Charakter besitzt die Cafeteria. Dort breiten sich die Äste eines künstlichen Baumes als Akustikelemente über die Decke des offenen Raumes aus und verbinden eine funktionale Lösung mit einem starken gestalterischen Motiv.

Diese unterschiedlichen Räume innerhalb einer gemeinsamen Bildserie zusammenzuführen, stellt besondere Anforderungen an die Farbwiedergabe. Künstliches LED Licht trifft auf das kühle Tageslicht eines bedeckten Himmels, während weiße Oberflächen, Holzvertäfelungen, Beton und Metall jeweils möglichst natürlich wiedergegeben werden sollen. Weiße Flächen müssen über die gesamte Serie hinweg weiß bleiben und das Holz sollte unabhängig vom jeweiligen Raum denselben Farbcharakter behalten.

Deshalb endet die Industriefotografie für mich nicht mit dem Auslösen der Kamera. In der Bildbearbeitung vergleiche ich die Aufnahmen eines Gebäudebereichs immer wieder miteinander und gleiche Helligkeit, Farbtemperatur und Materialwirkung an. Das einzelne Bild muss funktionieren, entscheidend ist am Ende aber die gesamte Serie. Erst wenn Räume und Materialien über unterschiedliche Tageszeiten und Lichtsituationen hinweg konsistent erscheinen, entsteht eine Bildwelt, die das Gebäude als zusammenhängendes Projekt vermittelt.

3. Materialität im richtigen Licht

Als sich das Tageslicht am Ende des ersten Produktionstages langsam in die blaue Stunde verwandelte, verlagerte sich der Fokus auf die Außenaufnahmen. Für mich ist das eines der wichtigsten Zeitfenster in der Industriefotografie. Für wenige Minuten erreicht das schwindende Tageslicht eine ähnliche Helligkeit wie die Beleuchtung im Inneren des Gebäudes. Die Architektur beginnt zu leuchten, ohne dass Fenster und Lichtquellen überstrahlen oder die Umgebung vollständig in der Dunkelheit verschwindet.

Dieses kurze Zeitfenster lässt wenig Raum für spontane Entscheidungen. Deshalb laufe ich bereits vor Beginn der eigentlichen Fotoproduktion das gesamte Areal ab, um die wichtigsten Perspektiven festzulegen. Zur blauen Stunde arbeitete ich mit mehreren Kameras und einer Drohne gleichzeitig, um möglichst viele dieser Kompositionen unter vergleichbaren Lichtbedingungen aufzunehmen. Während eine Kamera automatisiert eine zuvor definierte Perspektive fotografierte, konnte ich mit der nächsten Position weiterarbeiten und parallel zusätzliche Ansichten aus der Luft aufnehmen.

Im Mittelpunkt der Außenaufnahmen steht die charakteristische Fassade des Erbe 4.i. Ihre Gestaltung ist eng mit dem Nachhaltigkeitskonzept des gesamten Gebäudes verbunden. Die Planer von io verfolgten die Idee, den großen Industriekomplex möglichst selbstverständlich in seine Umgebung zu integrieren und setzten dafür Holz nicht nur als gestalterisches Element, sondern auch für die Gebäudehülle, das Dachtragwerk und Teile des Innenausbaus ein. An den langen Gebäudeseiten bilden vorgehängte Holzlamellen eine ruhige, gleichmäßige Struktur, während die Stirnseiten mit roten Fassadenplatten bewusst einen kräftigen farblichen Kontrast setzen.

Gerade diese Kombination gibt dem weitläufigen Gebäudekomplex seinen unverwechselbaren Charakter. Die roten Fassadenplatten verändern durch ihre unterschiedlich matten und glänzenden Oberflächen je nach Blickwinkel und Licht ihre Wirkung. Grau lasiertes Holz und Aluminium bilden dazu einen zurückhaltenden Rahmen. Für meine Aufnahmen war deshalb nicht nur die Form des Gebäudes entscheidend, sondern auch die Frage, unter welchen Bedingungen diese Materialien ihre unterschiedlichen Eigenschaften am besten zeigen. Das weiche Licht des bedeckten Himmels und der blauen Stunde half dabei, Farben, Oberflächen und Strukturen sichtbar zu machen, ohne dass harte Schatten oder starke Reflexionen davon ablenken.

Neben den großen Übersichtsaufnahmen habe ich bewusst auch mit engeren Ausschnitten gearbeitet. Diese Detailaufnahmen konzentrieren sich auf Übergänge, Oberflächen und das Zusammenspiel der verschiedenen Fassadenmaterialien. Sie ergänzen die Gesamtansichten um eine zweite Ebene und zeigen Aspekte des Projekts, die für beteiligte Hersteller und ausführende Unternehmen besonders relevant sind. So kann dieselbe Fotoserie nicht nur die Architektur als Ganzes kommunizieren, sondern auch die individuelle Leistung einzelner Projektpartner sichtbar machen.

Parallel zur Fotografie begleitete mich während der gesamten Produktion eine Videokamera. Kurze Sequenzen aus den Innenräumen und Außenbereichen wurden mit Zeitrafferaufnahmen und ruhigen Drohnenflügen kombiniert. Über zwei Produktionstage entstand so nicht nur eine klassische fotografische Dokumentation, sondern eine zusammenhängende visuelle Sammlung aus Fotografie und Bewegtbild, die io group und den beteiligten Projektpartnern unterschiedliche Möglichkeiten für die langfristige Kommunikation des Projekts bietet.

Fazit: Ein Projekt, viele Perspektiven

Innerhalb von zwei Produktionstagen entstand hier eine umfassende Bildwelt, die das Erbe 4.i vom großen architektonischen Zusammenhang bis zum Detail dokumentiert. Außenansichten, Logistik, Arbeitswelten und Gemeinschaftsbereiche zeigen dabei unterschiedliche Seiten desselben Projekts. Ergänzt durch Drohnenaufnahmen, Zeitraffer und Videosequenzen entstand ein vielseitiger Content Pool, den die io group langfristig für ihre Website, Publikationen, Wettbewerbe und die Kommunikation neuer Projekte einsetzen kann.

Besonders spannend ist für mich bei diesem Projekt, wie weit die Bildverbreitung inzwischen über den ursprünglichen Auftrag hinausreicht. Neben der io group nutzen auch Bemo, GFAG, Gramm, Greenbox, Hetzel, Kemmlit, Lindner Group, Schneck Schaal Braun und Züblin Timber Aufnahmen aus der Produktion, um ihre jeweilige Beteiligung am Erbe 4.i zu zeigen. Jede dieser Firmen erzählt mit denselben Fotografien eine andere Geschichte. Mal steht die Fassade im Mittelpunkt, mal der Innenausbau, die technische Planung oder ein bestimmtes Produkt.

Gerade bei großen Industrieprojekten sehe ich darin einen erheblichen Mehrwert einer professionellen Architekturfotografie. Je mehr Unternehmen an einem Gebäude beteiligt sind, desto größer ist auch das Netzwerk, über das die fertige Arbeit sichtbar werden kann. Eine gemeinsam gedachte Bildproduktion schafft dafür eine konsistente visuelle Grundlage und kann gleichzeitig den Aufwand für die einzelnen Projektpartner reduzieren.

Am Ende dokumentieren die Bilder deshalb nicht nur ein fertiges Gebäude. Sie machen die vielen Leistungen sichtbar, aus denen es entstanden ist, und geben allen Beteiligten hochwertiges Material an die Hand, um ihre Arbeit über Jahre hinweg zu kommunizieren.

Albrecht Voss Architekturfotograf in den Alpen

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